Kapitel 49: Ich lege ein Wort ein


Ich beginne mit einem Gedicht von Ilse Kilic, das bin ich. Das Gedicht handelt davon, dass manche (vielleicht sogar alle?) Gedichte sich zu Recht weigern, immer und überall glücken zu sollen. Sie wollen für sich stehen, sich nicht messen oder beurteilen lassen.
Ich, die Schriftstellerin und Leserin, möchte ihnen dies auch von Herzen gönnen.
Ich weiß überdies gar nicht wirklich, was ein Gedicht ist, das nicht glückt. Mir fällt an dieser Stelle ein, dass Siri Hustvedt in ihrem Buch "Der Sommer ohne Männer" von Literatur ohne Dringlichkeit schrieb, bei der sie nicht nachvollziehen konnte, warum sie geschrieben sei. Das kann man der Literatur zuweilen vorwerfen, ja, aber das Erkennen von Dringlichkeit ist mitunter nicht so einfach und somit wird man der Literatur manchmal Unrecht tun. Wir wissen eben nicht immer, ob das, was wir erkennen oder nicht erkennen, vorhanden ist oder nicht vorhanden ist. Punkt. Nun mein Gedicht:

Ich lege ein Wort ein für jedes Gedicht, das nicht glückt

Ich trinke Wasser, das Millionen Jahre alt ist.
Es war inzwischen Wolke oder Regen oder befeuchtete die Lippe einer Großmutter,
brachte die Badewanne eines Babys zum Überlaufen,
wusch Kalk aus dem Felsen und fror einen Teich zu,
auf dem ich als Kind das erste mal auf Schlittschuhen stand,
kann ja sein.
Ein bisschen bin ich da, wo ich bin.

Dann lese ich einen Text über Kriterien eines geglückten Gedichts.
Gleich stelle ich meine Haare auf, ja ich kann das,
ich lege die Stirne in Falten,
ich lege ein Wort ein für jedes Gedicht, das nicht glückt.
Ich brauche den Ort für das Stottern, Stolpern und Straucheln,
für den unmelodischen Schrei und auch für das große Bemühen.
Ich lege ein Wort ein für jedes Gedicht.

Es gibt kein Gelingen ohne Misslingen.
Ich bin jetzt da wo ich bin.
Ein bisschen bin ich. Auch selbst.

(Dieses Gedicht ist in der Zeitschrift zeitzoo im Jahr 2016 erschienen)

Dazu passt das folgende Zitat von Christine Lavant, auf dass mich die Dichterin Bess Dreyer aufmerksam gemacht hat. Christine Lavant sagt: Arme Gedichte wollen schließlich auch 'leben'. Wer das, was er schreiben muß, zurückhält, ist vielleicht wie ein Weib, das seine Kinder vergräbt aus Angst, sie könnten dem lieben Nachbarn nicht gefallen. Das Zitat befindet sich in der FAZ vom 13.5.2017, innerhalb eines Artikels über Christine Lavant.

Ich habe eine Weile überlegt, ob es möglich ist, hier noch ein weiteres Gedicht vorzustellen. Es sollte nicht so aussehen, als würde es quasi ein Beispiel für ein armes Gedicht sein, eines, von dem ich womöglich die Behauptung aufstelle, dass es nicht glücke. Übrigens: Wenn ein Gedicht nicht glückt, muss dies keineswegs immer am Gedicht liegen. Das Glücken eines Gedichts ist ein Zusammenspiel zwischen Gedicht und LeserIn. Und außerdem kann es manchmal wunderbar sein, wenn ein Gedicht nicht glückt, ja, es gibt Situationen, wo ein Gedicht, das nicht glückt, dies auf beeindruckende Art und Weise tut, was wiederum eine Art sein könnte, doch zu glücken. Es kann beeindruckend sein, nicht zu glücken. Es kann notwendig sein, nicht zu glücken.

Schließlich habe ich mich aber doch entschlossen, diesem Kapitel ein Gedicht von Christine Lavant hinzuzufügen. Ich finde, jeder und jede, die Gedichte liest, sollte Christine Lavant kennen und kennenlernen. Und jede und jeder, der oder die keine Gedichte liest, hat immer Gelegenheit, damit anzufangen. Zum Beispiel jetzt. Ob das Gedicht ein armes Gedicht ist, weiß ich nicht. Ich wünsche ihm, dass es 'leben' kann, so wie es Christine Lavant allen Gedichten gewünscht hat.

Christine Lavant:

Erlaube mir traurig zu sein...

Erlaube mir traurig zu sein
unter deinen Augen, den Sternen.
Vielleicht sehen sie nicht, daß ich traurig bin,
denn die Muschel des Mondes ist abgewandt
und hört nicht auf meine Gespräche.
Bei Tag denkt sicher die Sonnenstirne
niemals über mich Dämmernde nach -
erlaube mir, gänzlich verloren zu gehen
in den Büschen der Schwermut.

(Das Gedicht stammt aus einem Lyrikband von Christine Lavant, der 2014 im Wallstein Verlag erschienen ist)