Sem Sinatra: "Toryansay" (2003) |
Sem Sinatra lebt in Fall River, Massachusetts und hat dort die B.M.C. Durfee High School besucht. Er hat bei Comfort Stand Recordings den kurzen und tollen Song "Toryansay" veröffentlicht, den man sich auch bei freemusicarchive.org anhören und downloaden kann. Sollte man auch tun, er ist wirklich wunderbar. Möglich, dass Sem Sinatra jetzt mit der Band Onkonomiyaki in der Popwelt unterwegs ist, sicher bin ich da aber nicht. Onkonomiyaki haben 2020 ihre erste 7"-EP in einer Auflage von 100 Stück veröffentlicht, aber ich kann die Informationen nicht lesen, die sind in einer asiatischen Silbenschrift geschrieben. Also kurz gesagt, ich weiß über Sem Sinatra so gut wie nichts, der Song gehört aber trotzdem unbedingt in meine Sweetheart-Liste. Yeah! Lest das Buch "Sänger, Songs und triebhafte Rede" von Jean-Martin Büttner, es ist 1997 beim Stroemfeld Verlag erschienen. Okay, Jean-Martin Büttner hätte Sänger*innen schreiben sollen, aber das Buch ist trotzallem sehr gut. Jean-Martin Büttner: Rock sei eine 'ekstatische Musik', versucht sich wiederum die Musikwissenschaft, 'die über einem regelmässig durchschlagenden Achtelrhythmus in der zwölftaktigen Blues- oder der 32taktigen Songform häufig in alternierende Gruppen aufgespaltene Vokalsätze baut, die Bluestonalität, eine modale oder hemipentatonische Harmonik bevorzugt und vornehmlich zu elektrisch verstärkter Gitarrenbegleitung in extremen Stimmlagen mit gleitender Intonation vorgetragen wird'. Dieser musiktheoretische Definitionstyp ist im deutschsprachigen Rockjournalismus besonders beliebt, doch wohl scheint Graves und Schmidt-Joos, den beiden Autoren, nicht gewesen zu sein, ihre Formulierung ist in der Neuauflage ihres 'Rock Lexikon' von 1990 nicht mehr zu finden. Zu recht. Wäre die Definition gültig, müsste man nämlich Frank Zappa (keine durchgeschlagenen Achteln), Billy Bragg oder die Pogues (nicht vornehmlich elektrisch), Lou Reed und Suzanne Vega (keine extreme Stimmlage) ausschliessen. Und könnte nicht erklären, wieso Klangfabrikanten wie Brian Eno, der sich weder auf Rhythmen noch Stimmen festgelegt hat, einen so nachhaltigen Einfluss auf den Sound des Rock haben konnten. Man müsste Rap und HipHop, die wichtigsten Entwicklungen des Rock seit den Zeiten des Punk, aus dem Rockbereich ausgrenzen, hier wird ja nicht gesungen, schon gar nicht in Vokalsätzen. Barry Graves und Siegfried Schmidt-Joos sind die Autoren des "Rock Lexikon", die bisher letzte erweiterte Ausgabe erschien 2008, da ist aber Barry Graves nicht mehr mit dabei, sondern Wolf Kampmann der Co-Autor von Siegfried Schmidt-Joos. Ich habe die vollständig überarbeitete und erweiterte Neuausgabe von 1998 in meiner Popsammlung, die haben Graves und Schmidt-Joos gemeinsam mit Bernward Halbscheffel geschrieben. Das Kapitel "Was ist Rockmusik?" beginnt in der 98er-Ausgabe mit der Feststellung: Auf diese Frage, die den Benutzer des vorliegenden Buches zuerst interessieren mag, gibt es kaum eine kurze, präzise, jedermann zufriedenstellende Antwort. Seit der Mitte der fünfziger Jahre hat die Rockmusik so viele hochdifferenzierte Personal- und Gruppenstile hervorgebracht, dass eine generalisierende Definition nur noch in unziemlicher Vereinfachung gefunden werden kann. Jean-Martin Büttner: Das Misstrauen vieler Rock'n'Roller gegen den Intellektuellen hat seine Berechtigung, egal aus welchen Motiven es sich speist. 'Are you a model', wurde Courtney Love gefragt. 'No', gab sie der jungen Frau zurück, 'are you a brain surgeon?' Das Misstrauen gründet auf der Erfahrung, welche die ersten Teenager der Fünfziger an die Konzerte von Little Richard, Chuck Berry und Elvis Presley trieb, weil nämlich die herkömmliche Kultur nicht in der Lage war, ihre Wünsche auszudrücken. Rock bezieht einen beträchtlichen Teil seiner Energie daraus, sich vom Bestehenden zu distanzieren, zu seinen wichtigsten Aufgaben gehört, die vorangegangene Generation zu ärgern. Die Kunst des Rock besteht darin, keine zu sein. Huch, ich bin 70 Jahre alt, bitte bitte ärgert mich. Ich bin immer auf der Suche nach Popmusik die mich ärgert. Okay! Das Schlusswort kommt diesmal von Sigmund Freud: Mit meinen Feinden werde ich alleine fertig, es sind die Freunde, die mir Sorgen machen. Naja, es ist leider auch nicht immer leicht mit seinen Feinden fertig zu werden. Thank you, good night. 26.07.2026 |