Kapitel 80: Die kleinen Dinge, die nicht klein sind.


Ich beginne mit einem Gedicht von Gertrud Wilker, in dem es um den Trost geht. Ich glaube, dass der Trost sehr wichtig ist, ja, ich glaube, dass wir alle gelegentlich (oder sogar oft) des Trosts bedürfen. Der Titel des Gedichtes lautet "Dankschreiben".

Gertrud Wilker

Dankschreiben

Mein Saum, sagte sie,
sei lose und holte
Nähzeug, der Faden schlüpfte
flink durchs Nadelöhr,
mit ihrer ruhigen Hand
hat sie sich
um meinen Rocksaum bemüht.
Liebe Freundin,
sehr sanft hast du
mich getröstet.

Das Gedicht stammt aus dem Buch "Frauen | Lyrik", einer Anthologie, die bei reclam im Jahr 2020 erschienen ist und Lyrik durch einige Jahrhunderte präsentiert. Der Trost ist nicht nur immer wieder notwendig, er ist auch eine Kunst. Zu ihm gehört auch die Sprache, in der der Faden durch das Nadelöhr schlüpft, die vor Augen führt, wie leichtfüßig, besser gesagt leichthändig und leichtfingrig die Geste der Freundin ist, sondern auch, wie dabei freundliche Nähe entsteht: Das Nähen am Rocksaum, bedingt die Nähe, denn, so wie es klingt, wird genäht, ohne dass die Trägerin des Rockes diesen ablegt.
Ich denke aber auch an die Ruhe, an das sich Zeit nehmen, Zeit eben für die kleinen Dinge, die nicht klein sind.
Weil die Zeit so wichtig ist für die Ruhe, und weil auch die Nähe ihre Zeit braucht - so wie das sich Nähern und das Nähen (wenn es unter freundlichen Bedingungen geschieht, nicht im Akkord und nicht als Arbeit für schlechten Lohn, das versteht sich von selbst) folgt an dieser Stelle ein Gedicht von Michael Hammerschmidt:

ich muss viel
nichts tun, gut?!
bin gerade
beschäftigt
siehst du nicht
die ruhe
hab sie grad erst
bemerkt wie sie
mir tut so an
genehm unbeschwert

Es stammt aus dem Buch "Schlaraffenbauch", das Michael Hammerschmidt gemeinsam mit Rotraut Berner gestaltet hat. Dieses Gedicht ist gewissermaßen eine Ermutigung, sich Zeit zu nehmen, denn ohne Zeit geht gar nichts weiter, wobei ohne Zeit ja auch nichts weitergehen muss, weil es - mit der Zeit -ja sowieso weiter geht. Die Zeichnungen von Rotraut Berner zu den Gedichten von Michael Hammerschmidt seien an dieser Stelle extra erwähnt.
Nichts tun, das wäre ja in diesem Gedicht eine richtige Tätigkeit, so wie das (in-die-Luft) Schauen, das Lesen, das Schneeschaufeln oder das Nähen eines Kleidersaums. So wie eben das Nichts nicht einfach nichts ist.
Freilich kann sich die Zeit von vielen Seiten zeigen, von vorne und hinten gewissermaßen, freundlich und unfreundlich, sanftmütig und streng. Manchmal ist es vielleicht notwendig, die Zeit anzuhalten, festzuhalten, was natürlich nicht möglich ist, manchmal aber doch möglich scheint. Meistens macht man dann ein Foto. Oder auch nicht. Im Klick des Fotografierens ist dann der Augenblick gefangen. Oder auch nicht.

An den Abschluss des Kapitels möchte ich ein Haiku von Patricia Brooks stellen. Es stammt aus der Anthologie: "Eine andere Welt ist möglich". Und es erzählt ein Stück Trost, ja, denn der Trost kann in verschiedener Form auftreten, auch so:

Haiku

Elektrischer Trost
Kitty surft auf der Welle
Hui, das rockt und rollt