Ich stelle dieses Kapitel unter den Titel "Anverwandtschaft". Verwandtschaft ist ein bereits festgeschriebener Begriff, aber die Tatsache, dass es nicht nur möglich ist, verwandt zu sein, sondern dass es auch möglich ist, sich verwandt zu machen, sich also anzuverwandeln, soll damit in den Schreibraum gestellt werden.
Ich beginne mit einem Zitat aus dem Tao Te Ching, das von der Wahrnehmung und den Benennungen handelt - und davon, wie wir unsere Wahrnehmung im Benennen konstruieren.
When people see some things as beautiful,
Other things become ugly.
When people see some things as good,
Other things become bad.
Volha Hapeyeva, deren Buch ich das Zitat entnommen habe, fragt, nachdem sie diesen Vierzeiler zitiert, ob es möglich ist, einen Begriff zurückzugewinnen, der bereits in anderen Zusammenhängen Verwendung findet, der besetzt ist von Wertungen: "Begriffe wie Ost und West bedeuten nicht nur Himmelsrichtungen, genau wie bei den Wörtern Frau und Mann kommen sofort Konnotationen ins Spiel."
Es geht also um unser Sprechen, darum, wie wir uns selbst konnotieren, ob wir wissen, was wir tun oder doch eigentlich nicht oder nicht so ganz, wenn wir sprechen. Bemerken wir, welche Vorannahmen wir transportieren?
Während ich nun über darüber nachdenke, wie es in der Welt der Menschen sich anfühlt, während wir sie uns zu eigen machen, ich könnte auch sagen, während sie sich uns zu eigen macht, aber das stimmt so auch nicht wirklich, jedenfalls während ich nachdenke, entdecke ich in Lisa Spalts Aufzeichnungen eine Erinnerung an die Dichterin Edith Sitwell, ich darf Lisa Spalt an dieser Stelle zitieren: "Heute erinnere ich euch an Edith Sitwell (1887 - 1964), die sich mit den Menschen nicht so wirklich anfreunden konnte, Tiere und Pflanzen als ihre Gefährten ansah, als Mädchen in einem Metallgestell steckte und als Erwachsene nicht in die modischen Kleider der Zeit passte, sodass sie ihre eigenen, exzentrischen Kostüme schuf. Sie war eine begeisterte Agentin allen forschenden Dichtens. In ihrer frühen Lyrik ging es ihr nach eigenen Worten um die Durchdringung von Sinnen".
Lisa Spalt zitiert das folgende Gedicht von Edith Sitwell:
Das Feuer war pelzig wie ein Bär
Und die Flamme schnurrt …
Der Braunbär an seiner Kette streift umher
Gefangener grausamer Menschen
Durch den dunklen und haarigen Wald …
Die Maid seufzte: "All mein Blut
Ist Tierblut. Sie nahmen an, ich säße
Wie eine Hauskatze;
Doch durch die dunklen Wälder streifte ich …
Oh, stürbe doch mein Blut!"
Das Feuer hatte einen Bärenpelz;
Es hörte und kannte …
Die dunkle Erde, pelzig wie ein Bär,
Grummelte auch!
(Das Gedicht findet ihr im Band "Mein exzentrisches Leben", übersetzt von Karl A. Klewer.) Wenn man Edith Sitwell live lesen hören will, hier ist es möglich.
Tiere, Menschen, die gemeinsam bewohnte Welt, ist das, worum es geht. Thema, Thematik, Schwerpunkt, wie auch immer ich es nennen will. Auch das Feuer, die Flamme gehört dazu. Und natürlich die Worte. "All mein Blut ist Tierblut", wer also bin ich? Verwandtschaften sind keine Blutsverwandtschaften, jedenfalls nicht zwingend, das sei an dieser Stelle betont. Genau genommen ist blutsverwandt ein beunruhigendes Wort, betont es doch die genetische Gebundenheit, die aber nicht die einzige oder wichtigste Gebundenheit oder sollte ich sagen Verbundenheit darstellt. Ich erinnere an das Motto, das Victor Klemperer seinem Buch "LTI" voranstellt: Sprache ist mehr als Blut, womit er wiederum auf Franz Rosenzweig verweist, den jüdischen Philosophen und Historiker. Das Buch "LTI" kannte ich lange Zeit nicht, jetzt ist es aber sicher schon mehr als Jahrzehnt her, dass mich Jörg Piringer auf dieses "Notizbuch eines Philologen" hinwies, das die Lingua Tertii Imperii (LTI)‚ die Sprache des Dritten Reichs und ihre Wirkungen auf die Menschen so scharfsinnig wie verstörend analysiert.
Zurück zur Anverwandtschaft: Jetzt öffne ich ein Fenster zu anderen Tieren. Andere Tiere? Anders als wer? Anders als wir? Anders als andere Tiere? Alle Tiere sind andere Tiere? Kann sein. Mit manchen Tieren sind wir enger verbunden, aber das spielt jetzt gerade keine große Rolle, manche kommen uns sowieso näher, als wir wahrnehmen. Manche essen wir und in gewisser Weise müssen wir anerkennen, dass auch wir für manche Lebewesen Nahrung darstellen, und seien es Mikroorganismen oder die beinlosen Larven von Insekten, nunja, auch sie. Und ja, verbinden und unterscheiden, Ferne und Nähe, das gehört zu den Fähigkeiten, die - vielleicht - in der Dichtkunst zu beobachten und zu bewundern sind.
Der Dichter Tobias Thomas March führt in seinem Buch "Polymorpha" die Tierwelt in die Sprachwelt ein, ich könnte sagen, er schreibt Tiergedichte, das stimmt auch, aber nicht nur. Die Tiere, die in seinem Gedichtband ihr Wesen treiben, versuchen sich auch zu Wort zu melden, aber, ja, sie brauchen (noch?) den Dichter, der ihnen Papier und Buchdruck zur Verfügung stellt.
Hier das Gedicht über das Reh:
REH
Capreolus capreolus
zieh mich an Waldrandzonen
besiedle Lichtungen alleine
breite mich aus
gewöhne mich ein
markier mine grenze
aufgeschreckt such ich da
mit wenigen schnellen Sprüngen Schutz
Böcke meide ich
brauche keine Revierkämpfe
und Gehörngrollen
lass mich meine Kräuter kauen
Die Lesung aus dem Gedichtband kann man auf dem YouTube Kanal der Alten Schmiede nachhören, eingeleitet von Semier Insayif und gemeinsam mit drei anderen Lesungen.
Eigentlich wollte ich mit einem eigenen Gedicht schließen, aber das Kapitel ist schon zu lang. Deswegen hier nur ein kleines Bild, Das Tier, über das ich gedichtet habe ist drauf und, nein, die Maus ist es nicht. Ich werde im nächsten Kapitel darauf zurückkommen.
