Fritzchens Alterswerk

Seite 116

(...)
ich ordne bücher ein. ich sortiere bücher aus. die bücherregale sind voll. immer voll. es ist zum verzweifeln.
17.08.2023.
ich bin gerade beim buchstaben C, also autor*innen deren nachname mit C beginnt. ich habe bei Z begonnen.
prosa.
mit lyrik und theorie bin ich schon fix und fertig.
einsortiert, aussortiert. huch.
buchstabe C / prosa:
closeelfriede Czurda
closerachel Cusk
closejohn Crombie
closerené Crevel
closearthur Cravan
closedouglas Coupland
closeann Cotten
closejulio Cortázar
closedennis Cooper
closeinger Christensen
closevelimir Chlebnikov
closegiorgio de Chirico
closecorinna Chaumeny
closedaniil Charms
closek-ming Chang
closelouis-ferdinand Céline
closelucas Cejpek
closeanne Carson
closelewis Carroll
closealbert Caraco
closetruman Capote
closekarel Čapek
closealbert Camus
closeitalo Calvino
closecarolin Callies
closesophie Calle
closejohn Cage
männer, männer, männer, sagt ilse.
da hat sie recht, bei prosa C finden sich 18 männer und nur 9 frauen in unserem bücherregal.
in manchen büchern ist auch lyrik enthalten, also wenn die prosa überwiegt, steht das buch bei prosa.
ordnung ist eben nie perfekt.
jedes regalbrett wird von mir auch gründlich gereinigt. hinter den büchern sammelt sich immer eine menge staub in den regalen an.
comic, kino, kunst und musik sind ebenfalls extra geordnet. mit den comics bin ich schon durch.
anthologien stehen auch extra. bereits erledigt!
C ist ein relativ überschaubarer buchstabe, die meisten autor*innen stehen unter S und die wenigsten unter Y.
closefabienne Yvert
closeli Yiyun
closesohn Young
wow, sagt ilse, bei Y stehen nur autorinnen.
unter X steht gar keine autor*in, zumindest bei der prosa.
so, genug geordnet, jetzt geht fritz einkaufen.
ich würde unter W stehen.
closefritz Widhalm
ich würde, tue es aber nicht, da die bücher von ilse und mir sich nicht im bücherregal befinden, sondern in einem extrakasten mit belegexemplaren. huch.
huch.
und nochmals huch.
am wenigsten platz raubt unserem wohnraum mein alterswerk, wenn ich mich nicht irre, hihi.

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19.08.2023. samstag. unser frühstückscafé hatte überraschenderweise zu. buh.
ich bin mir nicht sicher, ob ich überraschungen mag, diese überraschung mochte ich jedenfalls nicht.
okay, halb so schlimm, ilse und ich gingen in ein anderes caféhaus um unseren frühstückskaffee zu uns zu nehmen.
manchmal überfällt mich ein schlechtes gewissen, wenn ich meinen frühstückskaffee im caféhaus genieße.
1 melange mit schlag und 1 butterkipferl, bitte.
warum überfällt mich ein schlechtes gewissen?
weil ich mir meiner privilegien bewusst werde.
ja, ins caféhaus frühstücken gehen zu können ist ein privileg. ich kann es, obwohl ich mit meinem einkommen unter dem österreichischen durchschnitt liege.
ja, ein schlechtes gewissen hilft uns durchaus die welt besser verstehen zu lernen. nicht immer, aber immer wieder und das ist gut so. ich bin der meinung, autofahrer*innen und schnitzelesser*innen sollten durchaus ein schlechtes gewissen haben. vielleicht hilft es ihnen auf dem weg zur erkenntnis, das autofahren und das schnitzelessen zu reduzieren. und ja, es ist eine schande, mit dem auto ins gänsehäufel baden zu fahren. der volle parkplatz vor dem gänsehäufel macht mich zornig und traurig. okay, ein kleiner parkplatz für menschen mit gehbehinderung wäre okay. ein mensch mit schlechtem gewissen lässt vielleicht sein auto eher zu hause, hoffe ich zumindest. die aussage unseres allerwertesten bundeskanzlers, dass autofahrer*innen und schnitzelesser*innen kein schlechtes gewissen haben sollen, ist populistischer blabla und gefährlich. eine solche aussage macht mich ebenfalls zornig und traurig.
alle menschen sollten ihren frühstückskaffee in ruhe genießen können.
wenn ich traurig bin, stelle ich mir ein mixtape zusammen. heute war es wieder so weit.
ich gab ihm den titel "dying carousel":
closebosho: "rail" (1987)
closetafo feat. nahid akhtar: "karye pyar" (1976)
closehedley le maistre: "jersey mon vie" (2014)
closeprimr: "moon river dying carousel" (2018)
closejohn & joyce nyirongo: "nikondeni" (1985)
closeneil young: "computer cowboy (aka syscrusher)" (1983)
closebobby casey: "the drunken gauger" (1979)
closeyoga: "fourth eye" (2009)
closechristian marcley: "arthur ferrante & louis teicher" (1989)
closeferrante & teicher: "tico tico" (1956)
closebad new bats: "don't run with pizzas" (2006)
nein, meine mixtapes sollen meine zornige traurigkeit nicht besänftigen, sondern mir immer wieder auf die beine helfen, um aus dieser gesellschaft eine gerechtere zu machen.
ich glaube an die lebensverändernde wirkung von mixtapes.
ja, und bevor ichs vergesse, hört euch das album "12 super duper extraordinary girl trouble rock'n'roll tracks" von bang bang band girl alias sheri corleone an. the incredible wild and weird world of the one lady band and her trip to hell and back!

(...)
wir sind auf dem besten weg, uns durch das festhalten an überkommenen freiheitsbegriffen jeglicher freiheit zu berauben. ich versuche ein gedicht zu schreiben. draußen hat es +35° im schatten. ich schwitze die wörter aus mir heraus.

closemein gesicht, zwei augen
closeich sehe den himmel am himmel
closedie weite, das licht
closedie luft, ich sehe hindurch
closewo nichts zu sehen ist
closenicht mehr und nicht weniger
closeder himmel ist überall und
closealles zusammen, die weite
closeden rest meines lebens, das licht
closeich suche einen anfang, die luft
closemein gesicht, eine nase
closeich rieche den himmel am himmel
closedie weite, das licht
closedie luft, ich kann sie riechen
closeein vorhang, der kürzer wird
closesind wir denn alle verrückt geworden?
closemein gesicht, ein mund
closeder mensch bricht die welt!
closeder himmel fällt mir ins gesicht
closedie weite ist nicht mehr sichtbar
closedas licht ist nicht mehr riechbar
closemir fehlt die luft zum sprechen
closeein schmutziges mehr, das wasser
closemein gesicht, zwei ohren
closees gibt kein herum und herum
closekeinen tagesanbruch, keinen nachteinbruch
closeund keine hörgeräte auf dem mond

schwitzen ist ein ganz normaler vorgang im körper. dichten ebenfalls. beides dient der körperkühlung.

(...)
vermehrt schönes!
close
na ja, fritz könnte sich wieder mal rasieren.

(...)
der die das kopf sagt tralala.
der die das fritz ist schon ganz und gar schwindelig.
vielleicht sollte fritz langsam beginnen zu lernen
HILFE zu rufen.
fritz schafft
es nicht.
der die das mund bringt wieder nur
ein leises BUUH zutage.
da kann fritz darüber
lauthals lachen.
der die das kopf sagt tralala.
sonst nichts.

(...)
heute ist kein guter tag. obwohl fritz nicht sagen kann warum. alles fühlt sich rundumadum
falsch an.
fritz geht geschirr abwaschen.
das vor sich hin altern ist auch nicht gerade heiter.
alter jammerlappen, sagt fritz
und schon lacht er wieder.
schwein gehabt.
morgen muss ich endlich mit meinem hörgerätetechniker einen termin ausmachen, sagt fritz.
meine hörgeräte brauchen eine wartung.
meine ohren auch.

(...)
corona ist mehr oder weniger vorbei, zumindest als massive bedrohung. hoffentlich dauerhaft.
warum rede ich heute, 23.09.2023, von corona?
ich habe ein bild von mir entdeckt, das ich während corona gezeichnet habe. yeah! ilse und ich mit maske.
close
ja, ilse und ich haben mit maske gut ausgesehen. ohne maske tun wir das natürlich auch.

(...)
schwimmen im gänselhäufel. wieder was erledigt.
geburtstagsfest bei august. wieder was erledigt.
24.09.2023 bei +35° im schatten. wieder was erledigt.
warum tun eigentlich menschen zwischen 40 und 60 jahren so, als würden sie noch immer zu den jungen menschen gehören?
wahrscheinlich aus angst, frühzeitig abserviert zu werden, sagt fritz.
und vor lauter angst servieren sie fleißig andere ab.
konkurrenz, konkurrenz.
hört denn das nie auf, sagt der heute besonders alte und besonders grantige dichter widhalmfritz.
ICH FREUE MICH AUF DEN WINTER!

closein den wintern
closesind die hintern
closerund und kalt
closewir werden alt

das ist ein gedicht von ilse, meiner lieblingsdichterin.

(...)
gürtel nightwalk. wir haben uns im kubus valie export die präsentation der compilation "re:composed II" angeschaut und angehört. teilweise zumindest.
2012 hat das frauenservice wien (MA57) eine cd mit alten arbeiter*innenliedern herausgegeben, die von feministischen künstler*innen neu interpretiert wurden (re: composed I)
. 10 jahre später gibt es nun "re:composed II - arbeiter*in­nenlieder und songs zu feministischen kämpfen" als fortsetzung dieses künstlerischen projekts. re:composed II widmet sich dem thema "arbeit", da gerade derzeit im kontext der (corona)krise frauen- und arbeitsmarktpolitische fragen den diskurs der gleichstellung prägen.
wir hörten sweet susie & tini trampler, squalloscope, jelena poprzan und christina zurbrügg. chra wollten wir auch hören, aber die hatte aus gesundheitlichen gründen abgesagt. na ja, der sound war schlecht, manchmal waren die stimmen schlecht zu hören, manchmal die instrumente, die ziehharmonika von christina zurbrügg war z.b. kaum zu hören. dann kam noch dazu, dass die benachbarten konzerte so nah waren, dass das schlagzeug von der band monza blitz lauter zu hören war als die feministischen kämpfer*innen. irgendwann marschierte dann noch bürgermeister ludwig mit verkrampftem grinsen und kamerateam vorbei. peinlich, peinlich. wahrscheinlich hatte man irgendwo ein paar jugendliche parteimitglieder positioniert, die dann mit ihm ein lockeres gespräch simulierten. die qualität dieses auftritts wurde mit sicherheit von allen auftretenden künstler*innen bei weitem übertroffen und wäre auch von allen nicht für einen auftritt ausgewählten künstler*innen locker übertroffen worden.
es ist zum weiße haare raufen.

(...)
ich habe gerade die nächsten 5 zeichnungen für meine sweetheartliste gemacht.
YEAH!
i wanna be a cowboy's sweetheart. das duo they might be giants ist mir besonders gut gelungen. john flansburgh und john linnell.
close
they might be giants gibt es seit 1982, also inzwischen 41 jahre. ihr erstes album erschien aber erst 1986. ich habe mir von ihnen die alben "lincoln" 1988, "john henry" 1994 und "factory showroom" 1996 für meine kleine popsammlung angeschafft. ihr kommerziell erfolgreichster song war "birdhouse in your soul" 1990, ich habe von ihnen den song "sleeping in the flowers" 1994 in meine sweetheartliste aufgenommen. es ist schön eine sweetheartliste zu haben, ich arbeite gern daran.
yeah, yeah, yeah.
habe ich eigentlich schon den song, den ich für meinen 67. geburtstag gewählt habe, in meinem alterswerk erwähnt.
hmm, ich denke nicht.
tatatatamm!
close"the watcher" von bang bang band girl
der song "the watcher" wurde von lemmy geschrieben. lemmy alias ian fraser kilmister ist 2015 im alter von 70 jahren gestorben. er spielte von 1971 bis 1975 bei der band hawkwind, auf deren album "doremi fasol latido" 1972 der song erstmals veröffentlicht wurde. auch seine band motörhead hat den song für ihr debütalbum "motörhead" 1977 aufgenommen. rock'n'roll, yeah.

(...)
mit eva schörkhuber und andreas pavlic von purkersdorf zur hochramalm gewandert und köstliche marillenknödel gegessen.
das wetter ist angenehm, nicht heiß, nicht kalt, kein regen.
anschließend über einen anderen weg zurück nach purkersdorf und zum abschluß ein paar biere getrunken.
spö-babler meldet sich mit einem erbschaftssteuermodell zu wort. ok, meine stimme hat er.
die gpa (gewerkschaft der privatangestellten) erarbeitet ein konzept für eine millionärststeuer. ok, meine stimme hat sie.

(...)
03.09.2023, volksstimmefest. das erste volksstimmefest fand im jahr 1946 im wiener praterstadion statt, seit 1947 ist die jesuitenwiese im wiener prater der veranstaltungsort. anfangs wurde auch die angrenzende arenawiese einbezogen. ich habe keine ahnung, in welchem jahr ich zum ersten mal das volksstimmefest besucht habe. ich kam 1976 nach wien. damals war gerade die arenabesetzung im ehemaligen auslandsschlachthof in st. marx im gange. ich war nicht dort, ich musste mir mein wien erst erarbeiten und st. marx schien mir sehr weit vom westbahnhof, meinem ersten wienmittelpunkt, entfernt. die alte arena wurde im herbst 1976 geräumt und abgerissen und bevor die arenaut*innen 1977 ins neue gelände am inlandsschlachthof st. marx einzogen gab es ein paar arenafeste auf der arenawiese. ich kann mich jedenfalls an ein arenafest erinnern, das ich besucht habe. auch an den auftritt der aao-kommune, aktionsanalitische organisation, erinnere ich mich gut. alle mitglieder hatten bereits glatze und trugen latzhosen. irgendwie war es ein konzert und irgendwie auch nicht. vielleicht war es auch eine art aktionsanalyse vor publikum, jedenfalls gab es instrumente auf der bühne. 1979/80 wohnte ich dann in der neuen arena. das ist lange her. egal. jedenfalls lernte ich die arenawiese vor der jesuitenwiese kennen. mein erstes volksstimmefest habe ich höchstwahrscheinlich in der ersten hälfte der 80er jahre besucht. es gab damals noch sportveranstaltungen auf der wiese, z.b. boxen. ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ein besucher bei einem kampf zwischen einem tschechoslowakischen und einem polnischen boxer richtung ring brüllte: hau em in de goschn, den wojtyła-buam. karol józef wojtyła war damals unter dem pseudonym johannes paul II. papst. ja, nicht nur künstler*innen treten unter pseudonymen in erscheinung. sport gibt es schon lange nicht mehr am volksstimmefest.
ilse und ich besuchen es gerne. wir hören uns ein paar lesungen beim "linken wort" an, wir hören uns ein paar konzerte an, 2023 haben wir bei tini trampler und die playbackdolls, attwenger und W1ZE zugehört. wir haben uns das buch "künstlerinnen der russischen avantgarde 1910-1930" gekauft. das buch ist 1979 bei der galerie gmurzynska in köln erschienen und enthält biografien und werke der künstlerinnen sonia delaunay, xenia ender, wera ermolaewa, alexandra exter, natalja gontscharowa, elena guro, nina kogan, walentina kulagina, anna leporskaja, wera nikolskaja, ljubow popowa, olga rozanowa, maria siniakowa, antonina sofronowa, warwara stepanowa und nadeshda udalzowa. das buch ist eine bereicherung, obwohl ich mich auch ärgere, wenn darin der britische kunst­historiker john ellis bowlt schreibt:
die kiewer wohnung der exter, die petersburger wohnungen der xenia boguslawskaja (1892-1972, frau von iwan puni), der dichterin zinaida gippius (1869-1945, frau von dmitri mareschkowski) und der dichterin-malerin elena guro (1977-1913, frau von michail matjuschin), sowie die moskauer wohnung der sammlerin genrietta girschman (1885-1970, frau von wladimir girschman) waren anziehungspunkte führender künstler und schriftsteller der damaligen zeit.
was soll das dauernde frau von, frau von, frau von, und warum steht da, die wohnung der exter und nicht die wohnung von alexandra exter, und warum gibt es am schluss des absatzes wieder nur führende künstler und schriftsteller, wir befinden uns hier in einem buch über russische künstlerinnen. uns als männer erzogenen menschen scheint die herabwürdigung der frau wahrlich tief ins fleisch eingeschrieben zu sein. es wird höchste eisenbahn, uns ein wenig anzustrengen und zu lernen, lernen, lernen. auch die glamdiva fritz widhalm wurde als mann erzogen und kann sich nicht einfach so mir nix dir nix der verantwortung entziehen.
okay.
dann haben wir uns noch die 4-cd-box "eight classic albums - digitally remastered and enhanced for superior quality" von sister rosetta tharpe gekauft. sister rosetta tharpe ist 1973 im alter von 58 jahren gestorben. sister rosetta tharpe war sängerin und gitarristin, ihr erstes album "the lonesome road" erschien 1939 bei decca records und ihr letztes "precious memories" 1968 bei savoy records. mit dem song "this train", auch bekannt unter dem titel "this train is bound for glory", hatte sie 1939 ihren ersten hit. sister rosetta tharpe gilt als mother of rock'n'roll. yeah!
bier haben wir natürlich auch getrunken am volksstimmefest. und viele links denkende menschen getroffen, obwohl es beim linksdenken auch des öfteren gravierende unterschiede gibt. das biertrinken mit eva schörkhuber und andreas pavlic war jedenfalls sehr nett. und erbaulich. und erfreulich. und und und. obwohl ich mich jetzt gar nicht genau erinnern kann, ob andreas bier getrunken hat, eva, ilse und ich haben jedenfalls bier getrunken, da bin ich mir ganz sicher.
prost!
ein bisschen sport könnte dem volksstimmefest nicht schaden, muss ja nicht unbedingt boxen sein.

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