Fritzchens Alterswerk

Seite 117

(…)
gestern, 05.09.2023, war wohnzimmertag und 40 jahre ILFRI im einbaumöbel.
heute, 06.09.2023, bin ich nicht ganz zurechnungsfähig. mein kopf tut brummen und meine ohren tun summen.
brummsumm, brummsumm, brummsumm, der widhalm der ist dumm.
na ja, wieder was erledigt.
bericht über den fröhlichen wohnzimmertag gibts vielleicht morgen. oder übermorgen. oder garnicht. tralala.
andreas leikauf hat uns ganz toll gemalt. danke.
andrea knabl hat uns ganz tolle torten gebacken. danke.
danke, danke, danke, in 10 jahren gibts dann 50 jahre ilfri. tralala. ich glaub ich geh jetzt wieder ins bettchen.

(…)
40 jahre ilse und fritz. yeah. das ist ein foto aus den anfangstagen unserer beisammenseins.
close
wir waren schon damals ein sehr nettes paar und sind es heute noch immer, vielleicht sogar noch ein bisserl mehr, da unser zusammensein uns von jahr zu jahr netter und klüger gemacht hat, wenn ich mich nicht irre, hi hi.
als ilse 2005 das erste mal an brustkrebs erkrankt ist, haben wir standesamtlich geheiratet.
wir dachten, das wäre sicherer, falls das schlimmste passiert, wegen arztgesprächen, nachlass, wohnung und überhaupt.
natürlich war es trotz aller praktischen überlegungungen eine liebesheirat, obwohl ilse und ich keine großen anhänger*innen von dem sind, was bei uns so unter dem begriff liebe verstanden wird.
wir versuchen uns einfach an einem glücklichen beisammensein und, ja, das können wir inzwischen wirklich ganz gut. dieses foto zeigt uns nach der trauung beim verlassen des standesamts. ich habe die heiratsurkunde in der hand und ilse hat eine menge blumen bekommen.
close
ich war bei unserer hochzeit 49 jahre alt und ilse 47. auch bei unserer hochzeit waren wir ein äußerst nettes paar.
bei unserem festchen oder wohnzimmertag im einbaumöbel gabs natürlich auch literatur, melamar, jopa jotakin, irene wondratsch und andreas pavlic haben aus unserer neuen wohnzimmeranthologie "mich wundert, dass ich fröhlich bin" gelesen. danke.
es wird wahrscheinlich die letzte wohnzimmeranthologie sein, aber wer weiß. egal.
es war nett. wir waren fröhlich. ilse und ich haben etwas gep(l)opt. ilse hat über jean-pierre brisset und alice guy gep(l)opt und ich über marc bolan. das einbaumöbel war bummvoll. super. ein bisschen zu lang hats gedauert, sagte ilse am nächsten tag. wurscht, sagte ich, 40 jahre sind ja auch eine lange zeit.
heute, 07.09.2023, waren wir im gänsehäufel nacktbaden.
wir sind also wieder so halbwegs fit. tralala.

(…)
fritz muss weder das rad noch das schwarze quadrat von kasimir malewitsch neu erfinden.
das rad sowie das schwarze quadrat sind inzwischen teil von fritz geworden, teil unserer welt sozusagen.
close
die kunst besteht nun darin, diese schönen dinge gerecht zu verteilen.
ohne DU, gibt es kein ICH. basta. und DU kann wahrlich alles sein. sowohl die mikroorganismen, die meine darmflora ausmachen, als auch der rothwald in den niederösterreichischen kalkalpen. der reichtum ist zwar nicht unendlich, aber groß. unsere gier nach besitz, macht und erfolg zerstört ihn.
es ist höchst an der zeit, den kapitalismus um uns und in uns abzubauen und mit neuen ideen zu überschreiben.
nein, das rad und das schwarze quadrat brauchen wir nicht neu erfinden, sie sind bereits da.
macht endlich aus der 2er linie in wien eine fußgänger*innenzone und aus der ringstraße einen radweg, sagt das schwarze quadrat. hört auf das schwarze quadrat, sagt fritz.

(…)
gestern, 10.09.2023, machten ilse und ich einen ausflug. zuerst fuhren wir mit dem zug nach trasdorf, niederösterreich. mit uns fuhren unsere fahrräder. in trasdorf gibt es 2 badeseen, 1 öffentlichen und 1, der nur für die grundstückbesitzer*innen rund um den see zugänglich ist. mehrere davon sind wiener*innen, was für ilse und mich leicht an den kennzeichen ihrer geparkten autos abzulesen war. zweitwohnsitz am see, mit dem auto leicht und schnell erreichbar. 1 see für alle, 1 see für auserwählte. okay, er ist zumindest kleiner. auserwählte bleiben eben gerne unter sich, auch beim baden. mit den fahrrädern ging es dann weiter über zwentendorf zur bärndorferhütte.
die bärndorferhütte ist ein circa 200 jahre altes bauernhaus, welches im jahr 2002 im kärtner lavantal abgetragen und hier am donauradweg, mit einigen veränderungen, wieder errichtet wurde. der name kommt von der bezeichnung des umliegenden auwaldes (bärndorfer au) und dem kleinen bach, der hier in der nähe in die donau mündet (bärndorfer graben).
close
in der bärndorfer hütte haben wir jede*r einen halben liter sodazitron getrunken und ein käsebrot gegessen. weiter ging es dann mit dem rad die donau entlang bis zum donau restaurant, wo wir ein zweites mal einkehrten. sodazitron und eis. bier getrunken und richtig gegessen, pizza und döner, haben wir erst in traismauer. ilse ist davor noch zur erfrischung in den badesee traismauer gesprungen. von traismauer ging es um 20 uhr 44 mit dem zug zurück nach wien. im zug plauderten wir angeregt mit einem etwas betrunkenen radfahrer bzw. pensionierten eisenbahner aus baden. er war nach eigenen angaben heute bzw. gestern bereits 110 kilometer mit dem rad gefahren, ohne motor, bevor er bei einem heurigen in der nähe von traismauer zu tief ins weinglas geblickt hat.
ilse findet es merkwürdig, dass immer mehr leute mit rädern mit motor unterwegs sind. nicht nur alte. und noch dazu am donauradweg, der wirklich sehr eben ist.

(…)
nachtrag zum wohnzimmertag und 40 jahre ILFRI. yeah. nach der veranstaltung sagte ein jungpunk zur alten glamdiva fritz w., ich kann alte menschen nicht ausstehen. die glamdiva sagte, macht nix, ich kann junge menschen nicht ausstehen. ich wollt ja nur ein bisschen provozieren, sagte der jungpunk zur entschuldigung. jungpunk und glamdiva waren betrunken. prost, sagten sie, und lachten vergnügt.

(…)
ich höre musik.
tonto's expanding head band. oh yeah.
ich höre sie mit den augen.
ich höre sie mit der nase.
ich höre sie mit der zunge.
ich höre sie mit der haut.
mit den ohren höre ich sie nicht,
die haben mich verlassen.
hörgeräte sind zwar eine hilfe,
aber keine ohren. oh nein.
ich höre musik.
yellow magic orchestra. oh yeah.
da capo al fine.
close
das ist tonto's expanding head band. robert margouleff und malcolm cecil. sie waren pioniere der electronic music. sie veröffentlichten in der ersten hälfte der 70er jahre die beiden alben "zero time" und "it's about time". malcolm cecil starb 2021 im alter von 84 jahren. robert margouleff feiert im august 2023 seinen 83. geburtstag, er lebt in los angeles.
das yellow magic orchestra wurde 1978 in tokyo gegründet und bestand aus haruomi hosono, yukihiro takahashi und ryuichi sakamoto.
yukihiro takahashi starb 2023 im alter von 70 jahren.
ryuichi sakamoto starb 2023 im alter von 71 jahren.
haruomi hosono lebt und veröffentlichte zuletzt 2019 das album "hochono house", er ist 76 jahre alt. oh yeah.

(...)
und wieder mal im asia-restaurant lin.
und wieder mal glückskekse.
ein einfacher zweig ist dem vogel lieber als ein goldener käfig.
über vergangenes mache dir keine sorgen, dem kommenden wende dich zu.
mir ist jedes sprüchlein recht, mag es auch noch so blödsinnig sein, sagt fritz.
ein nettes sprüchlein für den netten fritz, sagt fritz.
ein blödsinniges sprüchlein für den blödsinnigen fritz, sagt fritz.
ausserdem schmecken glückskekse hervorragend, sagt fritz.
desto mehr bier, desto mehr sagt fritz.
schwerhörige können eben besser sagen als hören.
meine worte, sagt ilse.
closedie zeit vergeht im nu
closeund schon sperrt das lin zu.
muh, sagt fritz.

(…)
und wieder mal im café strozzi.
und wieder mal im café mila.
alte menschen brauchen gewohnheiten.
gewohnheiten sind keine wiederholungen.
gewohnheiten machen das besondere besser sichtbar.
wie immer, sagt fritz wieder mal.
kaffee und marmorgugelhupf im strozzi.
kaffee und schokocroissant bei mila.
close
hier genießt fritz schokonusspalatschinken im restaurant zum straba (straßenbahner*innenbad).
ja, fritz ist ein ganz und gar süßer.
alle mehlspeisen lieben fritz.
andreas leikauf hat uns beiden süßen wirklich sehr gut getroffen.
close
danke andreas. danke an alle die dabei waren und mit uns den wohnzimmertag und 40 jahre ilfri gefeiert haben.
close
closeilfri auf der bühne des einbaumöbel, yeah!

(…)
am 17.09.2023 war der letzte badetag. die städtischen open-air-bäder haben die badesaison beendet, auch das gänsehäufel. ilse und ich haben diesen letzten tag natürlich am fkk-strand des gänsehäufels verbracht. ein letztes mal für 2023 den tollen marillenkuchen im fkk-buffet genossen. ich war sogar im wasser, obwohl es nicht sehr warm war. das team des fkk-buffets wünschte allen besucher*innen einen schönen winter.
am weg zum gänsehäufel, in der unterführung bei der U1 station, saß jahrelang eine alte bettlerin. wir gaben ihr jedes mal, wenn wir ins gänsehäufel baden gingen ein paar euro, sie lächelte uns an und bekreuzigte sich dabei. eines tages war sie aber verschwunden. wir machten uns sorgen um sie. ihr platz blieb eine weile leer. irgendwann saß eine andere alte bettlerin auf dem platz. wir gaben auch ihr jedes mal wenn wir ins gänsehäufel baden gingen ein paar euro und auch sie lächelte uns an und bekreuzigte sich dabei. doch wir dachten immer wieder an die vorige alte bettlerin. hoffentlich ist sie nicht krank geworden oder gar gestorben, sagte ich. es ist eine schande für europa, dass alte frauen auf der straße sitzen und betteln müssen, während andere im geld schwimmen, sagte ilse. ich verabscheue reichtum, ja, ich verabscheue reiche leute, sagte ich. ich verabscheue auch leute, die an alten bettlerinnen vorbeilaufen, als wären sie gar nicht vorhanden. und ich verabscheue leute, die an der supermarktkassa in ihr smartphone blablablabbern und den menschen hinter der kassa schlicht ignorieren. sie reduzieren diese menschen auf ihre funktion, ja, sie rauben ihnen ihr menschsein. genug, sagte ilse, du bist ein netter mensch, so soll es sein, so soll es bleiben. ich verabscheue menschen, sagte ich. genug, sagte ilse streng.
dann lachten wir.
und, oh wunder, am letzten badetag war sie wieder da. ich schüttelte ihr freudestrahlend die hand, ja, ich war fast davor sie in meine arme zu nehmen. nicht rührselig werden, fritz, dachte ich, nicht rührselig werden. ilse schimpfte danach ein bisschen mit mir, die coronazahlen sind wieder im steigen und man schüttelt nicht die hände von alten frauen, die gehören nämlich zur risikogruppe und du alter depp auch. aber natürlich hat ilse der alten bettlerin auch die hand gegeben, für nicht-die-hand-geben war nach meiner innigen begrüßung kein platz mehr in dieser begegnung. na ja, wir wuschen uns danach brav die hände und hofften, dass wir die alte bettlerin nicht unsererseits gefährdet haben. nein, sagte ich, das würde der coronavirus nie und nimmer machen. ilse lachte über meine blödheit. und ich lachte auch. es tat mir leid, den händedruck der alten bettlerin von meinen händen abwaschen zu müssen, sie fühlten sich danach leer an. nicht rührselig werden, alter depp, dachte ich, nicht rührselig werden. es war ein schöner tag.

(…)
ilse ist wieder mal hingefallen. patsch. nein, nicht einfach so, dieses mal stand eine wurzel ihren füßen im weg.
autsch.
ilse hat jetzt sorge wegen ihrem linken kahnbein, da es erst unlängst gebrochen war und sie den sturz wieder mit der linken hand abgebremst hat.
autsch.
akh oder nicht akh, das ist die frage.
heute, 21.09.2023, haben wir lesung im narrenturm. mit uns lesen auch noch 22 andere dichter*innen. das publikum sitzt im innenhof des narrenturms und wir dichter*innen lesen aus den fenstern auf sie hinab. der titel der veranstaltung lautet: "ich bin bewohnerin des narrenturms". na ja, das ist leicht gesagt, wenn der narrenturm keine bewohner*innen mehr hat und wir dichter*innen freisinnig unsere texte darbieten können. unsere gedanken sind eben o.b., zu unserem glück. ilse und ich werden einen gemeinsamen text zum besten geben, sein titel lautet: "dilemma heißt mein losungswort". na ja, das altwerden ist auch des öfteren ein dilemma.
autsch.
ich werde mir jetzt ein mixtape zusammenstellen, yeah.
closeomni trio: "living for the future" 1994
closep-funk: "mindstresser (it's a p thang)" 1995
closeorigin unknown: "valley of the shadows" 1996
closeredlight: "the future is dark" 1996
closeed rush: "the force is electric" 1995
closeafx: "hangable auto bulb" 1995
closea guy called gerald: "the glok track" 1993
closel.double & shy fx: "the shit" 1996
okay, ich glaube an die lebensverändernde wirkung von kunst. zumindest heute werde ich mal wieder daran glauben.

(…)
an manchen tagen fühlt sich mein leben auf angenehme art belanglos an.
an manchen tagen erfühlt es mich mit freude ein alter depp zu sein.

vorwärts zur seite 118
zurück zur seite 116
zurück zur seitenübersicht