Fritzchens Alterswerk

Seite 118

(…)
wieder was erledigt, sagt der dichter widhalm fritz. die lesung war gut besucht. wir haben aus den fenstern im narrenturm auf das unten im innenhof sitzende publikum hinabgelesen. na ja, manche lesende waren stimmlich weniger präsent als andere, aber ilse und ich haben kräftige stimmen und haben den hof mit unserem text gefüllt, ich glaube, das publikum hat uns gut gehört. die präparate um uns herum waren äußerst gruselig. nach der veranstaltung haben wir zu viel bier getrunken. mein kopf brummt heute etwas davon. was solls. heute verabreicht uns dr. pichler die auffrischungsimpfung gegen corona, damit wir auch weiterhin coronafrei durchs leben lustwandeln können.
erledigt, der impfstoff ist in mir.
ich leg mich jetzt noch ein bisschen hin und lese ein gutes buch. ich lese gern und viel, manchmal auch weniger gute bücher. zwei gute habe ich gerade ausgelesen, "vermessene zeit. der wecker, der knast und ich" 2020 von ingrid strobl und "ich erkenne eure autorität nicht länger an. manifest" 2023 von glenn bech.
ingrid strobl kaufte 1986 einen wecker. dieser wecker wurde dann als zeitzünder bei einem anschlag der Revolutionären Zellen, kurz RZ, auf ein verwaltungsgebäude des lufthansakonzerns verwendet. mit dem anschlag protestierten die RZ damals u.a. gegen die abschiebung von asylsuchenden, die durch lufthansaflüge ermöglicht wurden. im dezember 1987 wurde ingrid strobl festgenommen und wegen unterstützung einer terroristischen vereinigung angeklagt. ingrid strobl saß vom 21.12.1987 bis zum 19.05.1990 in untersuchungshaft und wurde dann zu drei jahren haft verurteilt. die noch nicht verbüßte reststrafe wurde zur bewährung ausgesetzt.
ingrid strobl schreibt über ihre zeit in haft und denkt über ihr damaliges ich nach.
isolationshaft heißt, dass du tag für tag, nacht für nacht nur auf dich allein angewiesen bist. du fängst an, das sprechen zu verlernen, merkst bei besuchen, dass dir die worte fehlen, dass du deine zeit brauchst, um ins reden zu kommen. alle deine sinne werden auf entzug gesetzt. ich habe glück gehabt. ich kam nach drei monaten totalisolation in den sogenannten normalvollzug, wobei das wort »normal« der blanke zynismus ist. im knast ist nichts normal.
beim anschlag kam kein mensch zu schaden. die RZ verübten ihn nachts und kundschafteten auch die zeiten aus, in denen sich kein nachtwächter in diesem gebäude aufhielt, damit ja niemand verletzt würde.
ich hatte wundervolle eltern. sie haben mich geliebt, gefördert, mir geholfen, wo sie konnten. sie haben mir beigebracht, immer darauf zu achten, wie es den armen, den chancenlosen, den ausgegrenzten ergeht, und mich für sie einzusetzen. was meine eltern mir nicht beigebracht haben, ist, zu hassen. egal, wen. menschen, die andere menschen verachten, unterdrücken, ausbeuten, ihnen absichtlich schmerz zufügen - gegen die musste man sich wehren, denen musste man sich entgegenstellen, und man durfte sich ihnen auf keinen fall angleichen. aber hassen? nein. noch nicht mal die. »hassen macht häßlich«, sagte meine mutter.
ingrid strobl stammt, ebenso wie ich, aus einer proletarischen familie. in der untersuchungshaft schrieb sie das buch "sag nie, du gehst den letzten weg. frauen im bewaffneten widerstand gegen faschismus und deutsche besatzung", das 1989 im fischer verlag erschien.
lesen ist ein permanentes erweitern des horizonts, des blicks, der wahrnehmungsfähigkeit, ein nähren des vorstellungsvermögens, der phantasie, es ist erweiterung, nicht flucht. es kann als trost dienen, ja, als zuflucht, auch als ablenkung, doch bei jedem zuklappen des buches ist man wieder in der realen welt. ob man will oder nicht.
okay, so ist es.
ich habe als jugendlicher fritz, ich wohnte noch bei meinen eltern, einen leserbrief an die kronen zeitung geschrieben, genauer gesagt, an staberl alias richard nimmerrichter. an den inhalt kann ich mich nicht mehr so genau erinnern. es ging irgendwie um die verteufelung und kriminalisierung der linken und die verharmlosung der rechten szene. der brief wurde mit adresse abgedruckt und ich bekam dann eine menge böser briefe, wobei die, die mich aufforderten doch in die UDSSR (Union der Sozialistischen SowjetRepubliken) zu übersiedeln, noch zu den harmlosesten gehörten. ich war von der bösartigkeit der reaktionen überrascht, meine eltern nahmen es mit gelassenheit.
ich hatte gute eltern, sie konnten mich zwar nie mit geld unterstützen, aber mit einer menge solidarität.
das manifest von glenn blech habe ich ebenfalls mit viel freude gelesen. glenn blech stammt ebenfalls, wie ingrid strobl und ich, aus einer proletarischen familie. er ist ebenfalls, wie auch ich, in der provinz aufgewachsen. ingrid strobl wuchs in innsbruck auf, hmm, innsbruck ist zwar stadt, aber auch ziemlich provinz, würde ich mal frech behaupten. ebenfalls, ebenfalls, ebenfalls. egal. sein manifest schrieb glenn blech in gedichtform, hier ein zitat:
closenein, ich gebe eher wenig auf die queerness, die
closehervorgeht aus einer von den eltern gekauften
closewohnung an den kopenhagener seen
closeoder ich meine, schön für dich
closesolange du andere nicht belehrst über
closeemanzipation und großzügigkeit
closesolange billig erkaufte queerness nicht zum symbol wird
closefür queerness

closefür viele bedeutet queerness:
closehomophobie, transphobie, mobbing, drohungen
closeisolation, selbsthass, stressreaktionen
closesportsucht / magersucht
closedepression / angst
closeunfreiwilliges zölibat während der jugend, bis zur flucht
closeaus der provinz, der arbeiterklasse
closehookups mit fremden (evtl. mit älteren männern)
closeam abend auf parkplätzen, in wäldern
closeohne dass deine eltern davon wissen, ohne dass deine
closefreunde davon wissen, ohne dass irgendjemand
closedavon weiß

closenur für einige beinhaltet queerness:
closesicherheit, glück, party, gesundheit, ruhe und stabilität
closewürde, emotionalen überschuss

ja, es gibt eine menge lesenswerter bücher und nicht alle wurden von mir geschrieben, wenn ich mich nicht irre, hi hi.

(…)
27.09.2023, ilse macht mahnwache am ballhausplatz, omas gegen rechts, ich erledige bank und post. nein, ich überfalle sie nicht, ich zahle ein und gebe auf, erlagscheine und ein paar bücherpackerl.
ilse und ich überlegen uns, die wohnzimmerfilmrevue auf okto.tv einzustellen. okto.tv ist super, aber wir werden langsam alt und haben uns entschlossen etwas weniger herum zu wurschteln.
schreibt man das eigentlich zusammen?
herumzuwurschteln? egal.
ilse wird nächstes jahr 66 jahre alt und ich 68. egal.
das altwerden ist eine lulustige sache.
ilse und fritz sind ein lulustiges pärchen.
eventuell auch ein lulustiges bärchen.
brumm brumm, unsere herzen machen bumm.
" mein herz macht bum", ist ein song der Deutsch Amerikanischen Freundschaft kurz DAF geschrieben.
closeich bin so glücklich
closeund mir ist so schwindlig
closewie ein kettenkarussell
closewie die große achterbahn
closeoh, ich bin so glücklich
closeoh, mir ist so schwindlig
closemein herz macht bum, bum-bum.

so, jetzt treffe ich ilse im alten akh auf einen coffee-to-go. am 04.10.2023 fahren wir für ein paar tage nach venedig.
ich freue mich darauf. egal.
ich freue mich nicht darauf. egal.
ja, es ist egal, wo ich mit ilse bin, hauptsache sie ist mit.
mit ilse kann man überall lulustig sein.
ilse und fritz sind ein lulustiges bärtierchen.
tardigrada.
tardigraDADA, wenn ich mich nicht irre, hi hi.
close
ilse schwimmt und fritz bleibt trocken.
tardigrada gehört unbedingt in meine liste schöner worte:
closeautomat
closebanane
closecystofix
closedudeln
closeetcetera
closefeiertag
closeguglhupf
closehumoralpathologie
closeidiokratie
closekremšnita
closelaufvogel
closemeschugge
closenudismus
closeprostata
closequalverknorrt
closesirene
closeschwarzweißscan
closestuhlgang
closetardigrada
closeuups
closevampyropoda
closewiederholung
closeyksbadral
closezimmerfahrrad
so, es wird zeit. aufbruch. zigaretten muss ich noch kaufen. und schokocroissants.
unser kontostand schrumpft. huch.

(…)
o death! ich habe keine ahnung mehr, wo ich diesen schönen tod fotografiert habe.
close
bisher habe ich 38 fotos für meine serie "o death" geknipst, es dauert sicherlich noch einige zeit bis es 365 sind.
die serien "oh arsch" und "kruzifix nochmal" sind aber bereits ready.

(…)
ich stelle ein fröhliches wohnzimmeralbum zusammen.
dr. treznok hat uns eingeladen, bei seinem label eine langspielplatte zu machen.
2 x 20 minuten.
altes und neues, bunt durcheinander gemixt.
na ja, ganz gesichert ist es noch nicht, ob es erscheinen wird, aber dr. treznok ist zuversichtlich, also sind es wir auch.
die a-seite habe ich bereits fertig.
closedie industrielle hausfrau vs. blauer montag (6:29)
closeich muss so viel denken (5:23)
closeoh schlag, du tapfres herz in meiner brust (4:22)
closeschneemann (3:39)
dr. treznok will nur songs mit deutschen texten, das macht die sache schwieriger, da das fröhliche wohnzimmer meist auf englisch gesungen hat.
okay, morgen beginne ich mit der b-seite.
dadaglamanarchopunk, yeah.

(…)
wieder mal im asiarestaurant lin.
wieder mal zu viele biere. prost!
wieder mal glückskekse für ilse und fritz.
vorstellungskraft ist das auge der seele.
nach pech kommt glück.

der zweite spruch war in meinem keks. na ja, sagt da der dichter widhalm fritz, pech habe ich in letzter zeit nicht wirklich gehabt, aber vielleicht kommt das glück trotzdem.
oder ist es schon da?
wirklich glücklich kann man angesichts der weltlage eigentlich nicht sein.
österreichs politik versagt angesichts der klimakrise vollkommen und auch sonst ist sie nicht gerade erfreulich.
ich denke, ich werde nächstes mal für andreas babler stimmen, ob es viel bringt, steht in den sternen, vielleicht auch in den glückskeksen, aber ich denke, man sollte ihn unterstützen. vielleicht schafft er es doch, dem proletariat wieder eine stimme zu geben. das proletariat braucht perspektiven und keinen volkskanzler herbert kickl.
unter proletariat verstehe ich alle menschen, die der sogenannten unterschicht angehören, egal, ob sie nun einen job haben oder keinen, egal, wo sie geboren wurden und ob sie schon geboren wurden, einfach alle menschen ohne geld und perspektive.

(…)
so, die b-seite unserer fröhlichen wohnzimmerLP habe ich auch zusammengestellt.
closeeins zwei drei, ein kinderlied (2:42)
closekuckuck kuckuck vs. oh weltschmerz (4:43)
closeim abendsonnenschein (5:18)
closeich zähle meine tage nicht (4:43)
closein den wintern (2:21)
das fröhliche wohnzimmer wurde 1981 gegründet, anfangs hieß die band noch magendarmtrakt und nur das kassettenlabel hieß das fröhliche wohnzimmer. die band nannte sich ab 1985 das fröhliche wohnzimmer. im laufe der jahre mit dabei waren:
closesusa binder : 1992 - 2000
closeilse kilic : seit 1985
closebernhard kölbersberger : 1981 - 1990
closestefan krist : 1989 - 2000
closesonja wally : 1989 - 1992
closefritz widhalm : seit 1981
ilse und ich sind noch immer das fröhliche wohnzimmer, aber keine band mehr. livemusik machen wir kaum mehr, aber musik für unsere kurzfilme.
beim lied "die industrielle hausfrau vs. blauer montag" ist noch ingrid kölbersberger als gaststimme mit dabei.
wenn alles klappt, wird es die erste langspielplatte des fröhlichen wohnzimmers. wenns nicht klappt, geht die welt auch nicht unter. wohnzimmermusik gibt es auf www.dfw.at zu hören und wer lust hat, kann sich eine cdr aus unserem angebot aussuchen und per mail bestellen. die sind an und für sich unbezahlbar, also kosten sie auch nichts, wer lust und geld hat, kann etwas für unsere bierkassa spenden.
close
ich mache immer noch gerne musik, auf einer bühne zu stehen ist mir aber nicht mehr so wichtig.

(…)
ich habe beim schreibtischausmisten einen handschriftlichen text von mir gefunden. ich war vor vielen jahren teil einer schreibgruppe, die von ruth aspöck organisiert wurde, es ging um spontanes schreiben. jemand schlug ein thema vor, dann wurde eine viertelstunde dazu geschrieben und danach die texte vorgelesen und darüber gesprochen.
das thema lautete: FLÜCHTLINGE.
ich war dagegen, weil ich das thema zu groß für fünfzehn minuten fand, wurde aber überstimmt, also schrieb ich.

FLÜCHTLINGE! (spontan)
okay, flüchtlinge. ich bin ein schrecklich guter netter mensch, ich lebe in österreich u. es fällt mir durchaus leicht ein schrecklich netter mensch zu sein. ich bin durchaus teil der ärmeren in österreich lebenden menschen, die man landläufig, zumindest in meinem fall, österreicher nennt, ja, manchmal nennt man sie auch österreicherinnen, mich nicht, leider. also ich bin prekär, so sagen die menschen dazu, trotzallem fällt es mir durchaus leicht, ein schrecklich netter mensch zu sein. was gibt es schon groß, über flüchtlinge zu sagen bzw. zu schreiben. hmm, fragt sie wo sie hinwollen, wo sie asyl beantragen wollen u. setzt sie in einen zug, einen autobus, der sie dorthin bringt. gebt ihnen wohnraum, es gibt in der sogenannten e.u. und auch genug leerstehenden wohnraum - yeah, und gebt uns endlich allen ein grundgehalt, damit wir uns alle, alle, alle frei überlegen können, was wir zu dieser gesellschaft beitragen wollen, die dann endlich die unsere wäre. wir brauchen eine grundlegend andere idee von demokratie, zusammenleben od. wie wir es nennen wollen - wirtschaft vielleicht. bringt das wachstum zum stillstand u. laßt uns wachsen. die kapitalistische weltordnung ist dabei uns auszurotten - ja, sie kotzt mich an. reichtum kotzt mich an. armut kotzt mich an. rassismus kotzt mich an. sexismus kotzt mich an. manchmal kotzt mich auch die kunst an. aber, ich bin froh österreicher zu sein - yeah, so weit sind wir gekommen, bin ich gekommen. ist es möglich, sich selbst zu hassen?

nein, der text ist nicht wirklich gut und wird dem zu großen thema auch nicht gerecht, aber das ist in 15 minuten auch nicht zu schaffen. ich wollte nur so eindeutig wie möglich alle flüchtlinge willkommen heißen. alle menschen haben ein recht auf ein möglichst angenehmes leben. nicht nur die menschen in der laut bundeskanzler nehammer autofahrer*innennation österreich. wir sind bereit für unser als veraltet zu betrachtendes konzept von freiheit und mobilität große teile der erde unbewohnbar zu machen, da stellt sich doch die frage, wer stellt hier die bedrohung dar?
warum habe ich eine schreibgruppe besucht? auch diese frage stellt sich. wahrscheinlich, weil ich ruth, mit der ilse und ich befreundet sind, mag und deshalb nicht absagen wollte. na ja, die schreibgruppe traf sich im hinterzimmer eines gasthauses, da konnte man beim schreiben und diskutieren auch ein paar bierchen trinken. es war mir durchaus ein vergnügen und irgendwann nahm das vergnügen ab und ich trank mein bier woanders. ob ich bei meiner erfahrung schreibgruppe auch etwas gelernt habe? ich denke schon, nicht unbedingt literarisch, aber es ist ja angeblich immer lehrreich, mit menschen zusammenzusitzen und zusammenzusprechen.
ich bin kein sehr spontaner mensch und will es auch mitnichten sein. ich stand der idee spontanität immer mit einer gewissen skepsis gegenüber. hmm. vieles, was unter dem mäntelchen der spontanität auftritt, ähnelt sehr einer grob fahrlässigen selbstdarstellung.
okay, halts maul, fritz.

(…)
08.10.2023. wieder zurück aus venedig. in venedig war es sehr warm. und es waren eine menge tourist*innen unterwegs. ilse und ich haben die insel certosa besucht, da gibt es ein großes naturschutzgebiet und viel freiluftkunst. ein werk habe ich für meine fotoserie "schau ilse, kunscht!" fotografiert. vielleicht werde ich es später in mein alterswerk einfügen, jetzt liegt das foto noch auf ilses smartphone und ich muss warten, bis sie es auf den computer überträgt. den "normalen" fotoapparat hatte ich vergessen mitzunehmen.
falsch! ich habe 2 werke für meine fotoserie fotografiert. beim zweiten werk haben wir dann ein glücksschwein aus unserer sammlung integriert, auch italiener*innen können etwas glück gut gebrauchen.
ilse war zweimal im meer baden, während ich am strand gelesen habe. ja, fritzchen schwimmt lieber in büchern als im meer, da bleibt mensch schön trocken. ansonsten war venedig wie immer, angenehm autofrei und unangenehm tourist*innenvoll. aber darüber darf ich mich nicht beschweren, da ich selbst tourist*in bin.
okay, wien hat uns wieder, worüber es sich natürlich sehr freut.

vorwärts zur seite 119
zurück zur seite 117
zurück zur seitenübersicht