LiLiPUT: "Outburst" (1982)


Punk aus der Schweiz, yeah. Im Jahr 1978 gründeten Lislot Ha alias Lieselotte Haffner (Drums), Klau Schiff alias Klaudia Schifferle (Bass, Vocals) und Regula Sing (Vocals) die Band Kleenex. An den Gitarren halfen anfangs Rudolph Dietrich und Gogi Düggelbach von der Punkband Nasal Boys aus. Doch bald darauf lernten sie die Saxofonistin Marlene Marder alias Marlene Marti kennen, die schließlich zur fixen Gitarristin von Kleenex wurde. Beim Schweizer Label Sunrise Records erschien 1978 die EP "Hedi’s Head / Nice / Ain’t You / Beri Beri" von Kleenex. Diese EP wurde von der britischen Zeitschrift Sounds zur Single der Woche gewählt, woraufhin Rough Trade Records die Single "Ain’t You / Hedi’s Head" veröffentlichte und für die Band eine Großbritannientour organisierte. Kleenex tourten mit The Raincoats und Spizzenergi. Nach dieser Tour stieg Sängerin Regula Sing aus und die Band bekam ein Anwaltsschreiben, in dem ihr die künftige Verwendung des geschützten Markennamens Kleenex untersagt wurde. Rough Trade Records brachte 1979 noch die Kleenex-Single "You / Ü" heraus. Okay, mit Chrigle Freund fand die Band eine neue Sängerin und machte nun unter dem Namen LiLiPUT weiter. Zur Band gehörte nun auch die Saxofonspielerin Angela Barrack. Rough Trade Records veröffentlichte 1980 die erste LiLiPUT-Single "Split / Die Matrosen" und die Band tourte abermals in Großbritannien. Nach dieser Tour verließen Lislot Ha und Angela Barrack die Band. Naja, Tourneen sind eben stressig. Zu dritt, Sängerin Chrigle Freund übernahm auch das Schlagzeug, spielten sie die nächste Single "Eisiger Wind / When The Cat’s Away Then Mice Will Play" ein, die 1981 bei Rough Trade Records erschien. Nach dieser Single verließ Chrigle Freund die Band. Klau Schiff und Marlene Marder fanden in Astrid Spirit alias Astrid Spirig (Vocals, Violin), Christoph Herzog (Saxophon) und Beat Schlatter (Drums) neue Mitstreiter*innen und machten weiter. Marlene Marder: Wir haben uns nie als Frauenband verstanden und wir wollten auch nicht in den Medien so aufgebaut werden. Im Jahr 1983 erschien dann das Debütalbum "LiLiPUT" bei Rough Trade Records. Bei Rough Trade erschienen 1983 noch die Single "The Jazz / You Did It" und das Album "Some Songs", ja, und danach war Schluss. Marlene Marder: Die Vorstellung, die Rough Trade vom zweiten Album hatten, war, dass wir damit auf Tour gegen sollten. Aber dann wurde Astrid schwanger, und das war das Ende der Band. Das klassische Ende. Sie kam zu uns und sagte 'Ich bin schwanger. Sorry, Mädels. Verratet Rough Trade Deutschland nichts davon, sie haben das ganze Geld investiert und sehen es jetzt nicht wieder.' Enttäuscht war ich eigentlich nicht. Es war halt zu Ende. Marlene Marder veröffentlichte 1986 das Buch "Kleenex / LiLiPUT - Das Tagebuch der Gitarristin Marlene Marder" und stellte 1993 für Off Course Records die Compilation "Complete Recordings" zusammen, die 2001 beim Label Kill Rock Stars als Doppel-CD wiederveröffentlicht wurde. Da ist auch der Song "Outburst" drauf. Marlene Marder starb 2016 im Alter von 61 Jahren an Krebs. Zusammen mit Suzanne Zahnd (Vocals, Bass) und Lydia Bisbert (Drums, Vocals) veröffentlichte Marlene Marder die EP "Sounds Session 4" 1989 und die Single "Got You / Proud To Be Flat" 1991 unter dem Gruppennamen Dangermice. Greil Marcus: Was an dieser Musik überdauert, ist ihr Wunsch, die Welt zu verändern. Es ist ein offenkundiger und schlichter Wunsch, doch hinter ihm steht eine unendlich komplexe Story... so komplex wie das Zusammenspiel alltäglicher Gesten, die einem sagen, wie die Welt funktioniert. Der Wunsch beginnt mit dem Anspruch, nicht als Objekt, sondern als Subjekt der Geschichte zu leben, so zu leben, als hänge von dem, was du tust, tatsächlich etwas ab, und dieser Anspruch eröffnet neue Perspektiven. Die Musik verdammte Gott und den Staat, Arbeit und Freizeit, Heim und Familie, Sex und Vergnügen, das Publikum und sich selbst und machte es dadurch für kurze Zeit möglich, alle diese Dinge nicht als Tatsachen, sondern als ideologische Konstrukte anzusehen, als etwas Fabriziertes, das sich ändern oder völlig abschaffen ließ. Es tat sich die Möglichkeit auf, diese Dinge als schlechte Scherze zu sehen und die Musik als den besseren Scherz. Die Musik wirkte wie ein Nein, das zu einem Ja wurde, dann wieder zum Nein und erneut zum Ja: Nichts ist wahr außer unserer Überzeugung, dass alles, was wir als wahr akzeptieren sollen, falsch ist. Wenn nichts wahr war, war alles möglich. Yeah, lest das Buch "Lipstick Traces. Von Dada bis Punk - kulturelle Avantgarden und ihre Wege aus dem 20. Jahrhundert" von Greil Marcus, es ist 1992 beim Verlag Rogner & Bernhard bei Zweitausendeins erschienen. So, und jetzt noch ein kurzes Schlusswort des Schriftstellers Jorge Luis Borges: Ein mühseliger und strapazierender Unsinn ist es, dicke Bücher zu verfassen; auf fünfhundert Seiten einen Gedanken auszuwalzen, dessen vollkommen ausreichende Darlegung wenige Minuten beansprucht. Besser ist es, so zu verfahren, dass man so tut, als gäbe es diese Bücher bereits, und ein Résumé, einen Kommentar vorlegt. (…) Aus größerer Gewitztheit, größer Unbegabtheit, größerer Faulheit habe ich das Schreiben von Anmerkungen zu imaginären Büchern vorgezogen.

16.01.2021