Fritzchens Alterswerk

Seite 32

(…)
heute ist in wien wahl, 11.10.2020. meine stimme habe ich bereits abgegeben, für gesamtwien mit bauchweh für die spö und für den achten bezirk mit freude für links.

(…)
der achte bezirk, in dem ilse und ich wohnen, ist zwar nicht links geworden, aber immerhin haben die grünen die övp von der spitze verdrängt. da half auch der versuch nichts, sich farblich von der bundespolitik unter kanzler sebastian kurz abzusetzen, ja, die övp im achten bezirk wählte gelb statt türkis als ihre signalfarbe. der achte bezirk ist wieder grün, er war es schon mal, aber dann spalteten sich die grünen in 'grün' und 'echt grün' und schwupps, war die övp vorne.
mehr links wäre zwar fein, aber immerhin entschieden sich im bezirk 507 wähler*innen für links, um 77 mehr als für die fpö. auch diese tatsache bereitet mir durchaus freude.
ich reibe meine hände und lache.
in 2 stunden habe ich eine lesung.
lesungen machen zur zeit nicht richtig freude, es ist alles irgendwie umständlich und merkwürdig wegen corona. huch. umwürdig und merkständlich.
"bodenlos. politik & poesie." dienstag, 13.10.2020 um 19 uhr im bezirksmuseum josefstadt.

(…)
wieder was erledigt. der termin wird von der terminseite unserer homepage demnächst entfernt. archiv gibts nicht. naja doch, aber nicht auf www.dfw.at, die papiereinladungen werden in einem aktenorder abgelegt. ist irgendwie netter zum anschaun.

closeich weiß nicht, ob ich armselig
closebin, aber ich bin sorgfältig.
closediese gewissheit geht mir durch
closeden kopf. ein gedanke. letzte nacht
closehabe ich von cremeschnitten geträumt.
closealso werde ich heute nicht zu abend essen.
closeich schüttle mich sanft auf ein blatt papier.

closeich ziehe es vor, mich über mich
closelustig zu machen. pro woche, pro monat.
closedas hirn voll von gekränkheit. ein lächeln.
closeich besitze die höflichkeit, meine fehler
closenicht zu stören. die zähne sind nicht
closemeine fehler. der nackte körper ist nicht
closemein fehler. ich wiederhole ein grunzen.

closeich grunze ohne anstrengung, zwei
closemal. gesegnet sei die heiterkeit. ich bin
closedazu verurteilt. ich kann nicht nein sagen.
closewenn ich meinen hut abnehme, bekomme
closeich einen wutanfall. meine beine machen
closesich selbstständig, gelenkigkeit ist nötig.

closeich strebe nicht nach harmonie, oh
closenein. gebiss ist ein leicht verständliches
closewort. ich lasse ein lächeln los und hoffe,
closedass es wehtut, dass es kleidet. ich
closebeklage mich nicht, wenn ich der länge
closenach hinfalle. oh, wie ich es liebe.

closeich bin nicht unglücklich, bin ich
closeein schaudern. bei regenwetter bin ich von
closevollendeter rührseligkeit. ich muss mit
closemeinem strengen geist, mit meinen üblen
closegerüchen nachsicht üben. oder lügen. ich
closebin überzeugt mit augenzwinkern. poesie.

closeich schenke gerne, ich gewinne dadurch
closeeine beinahe angenehme gemütsruhe, eine
closebeinahe angenehme schlechte laune. meine
closegute haut lässt mich nie vor hunger sterben.
closemeine gute, gute haut ist ein zusätzliches
closegeschlechtsteil. das ist sie mit vergnügen.

close
am 31.03.1989 hatte ich meine erste einzelausstellung in wien. ich hatte davor schon einige ausstellungen, aber nicht in wien. nach meinen ersten ausstellungen, damals war ich 19 jahre alt, war ich bald ziemlich genervt vom kunstbetrieb. mit 20 jahren hatte ich die nase endgültig voll und stellte meine bemühungen ein. ich zeichnete und malte weiterhin, brach aber die kontakte zu meinen förderern ab. sie waren einfach nicht die menschen, mit denen ich mich unterhalten wollte. nicht die menschen, die ich unterhalten wollte. ich hatte keine lust mehr, ein rohdiamant aus der unterschicht zu sein. sie sagten, es würde mir leid tun, aber es tat mir nie leid.
ich ging nach wien.

(…)
mit bernhard k. gründete ich 1981 die band magendarmtrakt. punk. nicht pogopunk, sondern mehr in richtung geniale dilletanten. unsere erste kassette trug den titel „wurmfortsatz“.
für risikofreudige geräuschfetischisten.
wir waren begeistert.
das ist punk, wenn es keinen strom mehr gibt.
wir waren begeistert.
als ich 1984 mit ilse zusammenkam, wurde ich dichter. wir gaben die literaturzeitschrift "drucksache" heraus. im jahr 1986 starteten wir mit der edition das fröhliche wohnzimmer. das erste buch hieß "rote fäden" und enthielt 3 texte von ilse, "rote fäden", "arbeits=welt" und "ein tag im wörterbuch des bruno s". die 3 texte wurden von 7 zeichnungen von mir begleitet. als eine art vorspann war auch ein gedicht von mir abgedruckt.

closeschwierige augenblicke
closeregen und wind
closewieder und wieder spitzt er das kranke
closeglied
closeund riskiert
closemit seinem notizbüchlein
closeeinen harmlosen scherz
closeniemand antwortet
closeein klein wenig schüchterner versuch
closekopf ab
closedu hast einen wasserkessel aus mensch-
closelicher achtung
closealte narren im treibsand
closebrauchen die kindliche hoffnung mehr
closeals wir
closetaugenichtse
closezwischen zunge und gaumen
closeübrigens mir fällt gerade ein
closeder erste eindruck schreckt
closealles ab

aller anfang ist ein anfang.
wir waren begeistert.
mein erstes buch "gaisberggefühl" erschien 1988 in der herbstpresse von werner herbst. wolfgang radeczki, der betreiber des atelier 96 war ein freund von werner herbst und so kam es dazu, dass ich nach 13 jahren wieder eine ausstellung machte. es war irgendwie anders, sympathischer, hier waren liebhaber*innen am werk. ich verkaufte ein paar bilder zu liebhaber*innenpreisen und irgendwie waren wir einfach nett zueinander. geld war wenig im spiel, aber es ging sich aus und niemand jammerte oder sprach große worte. ich hasse große worte.
i am a hater, yeah!
ein jahr zuvor, 1987, verkaufte uns der schriftsteller otto grabner aus geldnot seine super-8 ausrüstung und ilse und ich wurden filmemacher*innen.
mein erster film trug den titel "hopLALA DADAnce" und wurde 1989 uraufgeführt.
20 kurze sequenzen über männliche sexualität... vorstellungen, wünsche, heiter-ironisch und schwupps: kastration.
seit 2006 machen ilse und ich die "wohnzimmerfilmrevue" bei okto.tv, alle 4 wochen, montag, gibts 13 minuten und 30 sekunden wohnzimmerfilme zu sehen.
wohnzimmer, das sind ilse und ich.
1989 kam das schwein als verlagsmaskottchen ins fröhliche wohnzimmer und 2006 öffnete das glücksschweinmuseum seine pforte. es wird 2021 ein ende finden. 2021 werde ich 65 jahre alt.
mit 60 jahren entschloss ich mich, meine letzte literarische einzelpublikation in buchform zu veröffentlichen, das buch "heute. ein letztes buch" erschien 2016 beim klever verlag. seither schreibe ich nur mehr verwicklungsroman mit ilse und an meinem alterswerk, das nicht die absicht hat, buch zu werden.
der erste teil unseres verwicklungsromans, "dieses ufer ist rascher als ein fluss!", erschien 1999 in der edition ch. 2021 wird der zwölfte teil erscheinen, er wird den schönen titel "wir sind wir und ich und du, wir sind weide, wir sind kuh" tragen.
close
lisa spalt: sprechen ist niemals zweckfrei. und "dieses ufer ist rascher als ein fluss!" ist nicht nur eine art von gemeinsam erfundener und aufgearbeiteter biografie, sondern auch ein umgang mit den kleinen schwindelmechanismen, die das erinnern leiten, wenn es auf ein gegenüber ausgerichtet ist: einerseits das gegenüber der mitschreibenden, andererseits das der lesenden person. so etabliert sich ein kleiner, liebevoll ironisierter wettstreit um die größere aufmerksamkeit, die man/frau sich durch die ausbreitung erlittener verletzungen psychischer und physischer natur gewissermaßen zu verdienen hofft. der ersehnte ausgleich eines erfahrenen mangels und dadurch losgelöst ein gewisser leidensneid sind einerseits motor für den autobiografischen text, werden jedoch andererseits als durchschaute mechanismen auch zum schmunzelnd umspielten thema. nicht zuletzt aber sind hier verschiedene, teilweise durchaus sogenannte weibliche oder männliche erzähltechniken sichtbar, mit denen die so sehr gewünschte aufmerksamkeit erzwungen werden soll. es wird tiefgestapelt und übertrieben, verzerrt, geheimnisgekrämt und durch offenheit brüskiert, es wird selbstbemitleidend und selbstironisch agiert. so spielt der text ununterbrochen mit seinen leserinnen, welchen neben dem schreibenden gegenüber all dieses buhlen gilt, denen gleichzeitig aber auch ganz alltägliche gesprächstaktiken bewußt deutlich und vergnügt vorgeführt werden.
lisa spalt war 1999 die betreiberin der edition ch.
seit 2004 wird die edition von günter vallaster betrieben.
gegründet wurde die edition 1989 von christine huber.
von 1993 bis 96 lag die edition in den händen von franzobel.
ich wiederhole mich.
ich bin künstler.
ich wiederhole mich oft.
ich bin musiker.
ich wiederhole mich gerne.
ich bin dichter.
wiederholen ist eine kunst, in der ich mich laufend übe.
ich bin filmemacher.
mein name ist widhalm fritz. meistens zumindest.

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so, jetzt hab ich das versprochene bild von suzi quatro doch noch gefunden.
wohnzimmer 45
zeitschrift für unbrauchbare texte und bilder
2012
offenlegung gemäß § 325 mediengesetz: veröffentlichung von zeitgenössischer literatur, grafik und sonstiger in printmedien darstellbarer form von beschäftigung.

die zeitschrift "wohnzimmer" erschien von 1990 bis 2014, insgesamt 50 nummern und 25 sondernummern.
die sondernummern lagen den nummern gratis bei.
ich war nie ein guter geschäftsmann.
ich hatte mit viel glück immer mein auskommen.
mein name ist widhalm fritz. meistens zumindest.
close

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