Kapitel 105: Die Angst, die Nacht und das Krokodil


Eigentlich wollte ich dieses Kapitel mit einem Gedicht über das Krokodil beginnen. Das habe ich ja schon in Kapitel 104 angedeutet. Aber jetzt ist ein anderes Gedicht ins Zentrum meiner Aufmerksamkeit gerückt, ein Gedicht, in dem unter anderem ein zerbrochener Kamm vorkommt, eine unsichtbare Maus, die Nacht und die Angst, die später auch das Krokodil beschäftigen wird.
Ich beginne also mit einem Gedicht von Miron Białoszewski. Sein Buch "M'ironien" hat mir Lisa Spalt geschenkt, vielen Dank dafür!

closeMeine nicht- und organische Angst

closeAm Abend zerbrach ich einen Kamm.
closeNachts fürchtete ich mich
closecloseclosevor dem Wachehahn
closeclosecloseund der rostigen Säge,
closeich fürchtete mich vor meinem Magenfiepen,
closehielt es für eine unsichtbare Maus.

Wer kennt sie nicht, die nächtliche Angst? Hat sie einen Grund? Ja und nein, würde der Dichter Nikolaus Scheibner sagen. Und er hätte recht: Wieso ja? Weil niemand Genaues weiß? Wieso nein? Weil niemand Genaues weiß.
Damit die Angst hier nicht alleine bleibt, stelle ich noch ein zweites Gedicht von Miron Białoszewski vor. Hier geht es um die Freude. Sie ist nicht unbedingt ein Kontrast zur Angst, aber Zusammenhänge gibt es schon, die zu erforschen sich lohnt.

closeWoher so viel Freude

closebeim Anblick des Busses?
close- ich stürze ans Fenster -
closeetwa weil er rot ist
closezwischen den Blocks?
closeweils früh ist um fünf?
closeund warm?
closeneblig?
closeoder weil
closeer fährt
closeund ich lebe?

In Kapitel 63 habe ich ein Gedicht von Wisława Szymborska vorgestellt, in dem sie über "Vier Uhr am Morgen" schreibt. "Um vier Uhr am Morgen geht’s niemandem gut", lautet eine Zeile dieses Gedichtes, in dem es um das nächtliche Wachliegen geht und um die bange Hoffnung, die fünfte Stunde zu erreichen, am Leben zu bleiben. Tatsächlich ist vier Uhr früh ein Zeitpunkt der Fehlleistungen und Unfälle und, ja, auch der Todesfälle, es macht also Sinn, sich in Acht zu nehmen, wie es fast immer Sinn macht, sich in Acht zu nehmen. Das ist es ja, was die Angst zum Ausdruck bringt, mehr oder weniger beharrlich, mehr oder weniger hilfreich: Nimm dich in Acht. Aber immerhin: Um fünf kommt schon der Bus, der rote. Manchmal.
An dieser Stelle erfolgt nun der Auftritt des Krokodils. Es ist mir wohlbekannt, früher, als ich ein Kind war, wohnte es unter meinem Bett, ich durfte die Füße nicht raushängen lassen. Das Krokodil klapperte angenehm rhythmisch mit den Zähnen, vielleicht fürchtete es sich, schließlich gilt Zähneklappern als Ausdruck der Angst.
close
Ich habe für das Krokodil das folgende Gedicht geschrieben:

closeEinst wohnte ein Krokodil unter meinem Bett. Es hielt
closesich nur nachts dort auf, niemand, auch ich nicht, wusste, wo
closees den Tag verbrachte und wie es abends den Weg unter
closemein Bett fand. Es hatte zwei Funktionen: Es jagte mir Angst
closeein und beschützte mich vor der Angst, die es mir einjagte.
closeDabei klapperte es mit den Zähnen. Oder irre ich mich,
closeund es waren meine Zähne, die lautstark klapperten?
closeVom Wesen der Krokodile weiß ich nicht viel.
closeWohnt diesen gepanzerten Wesen Sanftmut und Heiterkeit inne?
closeIhr Lächeln zeigt jedenfalls Zähne. Mit Sicherheit gab es
closeunter meinem Bett Krokodilstränen, das sind jene Tränen,
closedie ein Krokodil weint, wenn jemand nicht weiter weiß. Ja,
closeimmer wenn ein Kind nicht weiter weiß,
closeschlüpft ein Krokodil unter sein Bett und schluchzt.
closeCharmant.
closeManchmal wäre ich lieber ein Krokodil als ein Mensch,
closesage ich kokett und weiß doch: Gar nicht wahr.

Nachsatz: Die Autorin Yevgenia Belorusets denkt in ihrem Buch "Über das moderne Leben der Tiere" auch darüber nach, ob es Sinn macht, sich darüber zu freuen, ein Mensch zu sein. Sie kommt zum folgenden Schluss:
Ich bin sehr froh, ein Mensch zu sein, ich trage diesen Namen voller Stolz, ich erachte meinen Titel bei Weitem nicht für den minderwertigsten auf dieser Erde. Ich bin bereit, froh und einverstanden, Mensch zu sein. So sei es. Mensch möchte ich jedoch nur sein, um eine Katze zu betrachten!

Ich weiß nicht, ob es Katzen gibt, die es genießen, einen Menschen zu betrachten, vielleicht ja, vielleicht nein. Wir wissen nicht viel. Gelegentlich habe ich darüber nachgedacht, wie es wäre, ein Krokodil zu sein, zum Beispiel, als ich das Buch "Im Auge des Krokodils" las, in dem die australische Autorin und Ökofeministin Val Plumwood von einem Leistenkrokodil angegriffen und fast gefressen wird, Betonung auf fast. Sich selbst als potentielle Nahrung, also als Teil der Nahrungskette, zu erleben ist die Erfahrung, die sie in ihrem Buch beschreibt. Ich habe überlegt, dass es vor allem Kleinstlebewesen sind, die uns gefährlich werden, Bakterien etwa, obwohl viele von ihnen Teil unseres Organismus sind. Wie auch immer, ein Mensch sieht durch das Auge des Krokodils vermutlich anders aus als durch das Auge einer Katze und wiederum anders als durch das Auge einer unsichtbaren Maus

closeEnde.