Kapitel 105: Die Angst, die Nacht und das Krokodil |
Eigentlich wollte ich dieses Kapitel mit einem Gedicht über das Krokodil beginnen. Das habe ich ja schon in Kapitel 104 angedeutet. Aber jetzt ist ein anderes Gedicht ins Zentrum meiner Aufmerksamkeit gerückt, ein Gedicht, in dem unter anderem ein zerbrochener Kamm vorkommt, eine unsichtbare Maus, die Nacht und die Angst, die später auch das Krokodil beschäftigen wird. closeMeine nicht- und organische Angst closeAm Abend zerbrach ich einen Kamm. Wer kennt sie nicht, die nächtliche Angst? Hat sie einen Grund? Ja und nein, würde der Dichter Nikolaus Scheibner sagen. Und er hätte recht: Wieso ja? Weil niemand Genaues weiß? Wieso nein? Weil niemand Genaues weiß. closeWoher so viel Freude closebeim Anblick des Busses? In Kapitel 63 habe ich ein Gedicht von Wisława Szymborska vorgestellt, in dem sie über "Vier Uhr am Morgen" schreibt. "Um vier Uhr am Morgen geht’s niemandem gut", lautet eine Zeile dieses Gedichtes, in dem es um das nächtliche Wachliegen geht und um die bange Hoffnung, die fünfte Stunde zu erreichen, am Leben zu bleiben. Tatsächlich ist vier Uhr früh ein Zeitpunkt der Fehlleistungen und Unfälle und, ja, auch der Todesfälle, es macht also Sinn, sich in Acht zu nehmen, wie es fast immer Sinn macht, sich in Acht zu nehmen. Das ist es ja, was die Angst zum Ausdruck bringt, mehr oder weniger beharrlich, mehr oder weniger hilfreich: Nimm dich in Acht. Aber immerhin: Um fünf kommt schon der Bus, der rote. Manchmal. closeEinst wohnte ein Krokodil unter meinem Bett. Es hielt Nachsatz: Die Autorin Yevgenia Belorusets denkt in ihrem Buch "Über das moderne Leben der Tiere" auch darüber nach, ob es Sinn macht, sich darüber zu freuen, ein Mensch zu sein. Sie kommt zum folgenden Schluss: Ich weiß nicht, ob es Katzen gibt, die es genießen, einen Menschen zu betrachten, vielleicht ja, vielleicht nein. Wir wissen nicht viel. Gelegentlich habe ich darüber nachgedacht, wie es wäre, ein Krokodil zu sein, zum Beispiel, als ich das Buch "Im Auge des Krokodils" las, in dem die australische Autorin und Ökofeministin Val Plumwood von einem Leistenkrokodil angegriffen und fast gefressen wird, Betonung auf fast. Sich selbst als potentielle Nahrung, also als Teil der Nahrungskette, zu erleben ist die Erfahrung, die sie in ihrem Buch beschreibt. Ich habe überlegt, dass es vor allem Kleinstlebewesen sind, die uns gefährlich werden, Bakterien etwa, obwohl viele von ihnen Teil unseres Organismus sind. Wie auch immer, ein Mensch sieht durch das Auge des Krokodils vermutlich anders aus als durch das Auge einer Katze und wiederum anders als durch das Auge einer unsichtbaren Maus closeEnde. |